Wer die Verantwortlichen großer Pornoplattformen für ihre Reichweite feiert, muss auch darüber sprechen, wie diese Unternehmen mit Einwilligung und den Rechten betroffener Menschen umgehen. Unternehmerischer Erfolg verdient eine Bewertung, die über Besucherzahlen und Verkaufserlöse hinausgeht.
Ein LinkedIn-Beitrag über einen Abend in Montreal hat mich zu diesem Artikel veranlasst. Pizza und Wein, ein Gespräch über künstliche Intelligenz und Vaterschaft, dazu ein ehemaliger Spitzenmanager von MindGeek: David Tassillo. Der Text würdigt sein Wissen über digitales Nutzerverhalten und fragt, welchen Menschen wir wegen ihrer Branche zu wenig zuhören. Was in dieser Erzählung fehlt, sind die Frauen, deren Erfahrungen ebenfalls zur Geschichte des Unternehmens gehören.
Im Dezember 2023 räumte die Pornhub-Mutter Aylo, zuvor MindGeek, im Rahmen einer Vereinbarung mit der US-Staatsanwaltschaft ein, Gelder aus den Menschenhandelsaktivitäten von GirlsDoPorn erhalten zu haben. Nach Darstellung der US-Justiz wusste das Unternehmen oder hätte wissen müssen, woher die Gelder stammten. Betroffene Frauen hatten mitgeteilt, dass sie getäuscht und zur Mitwirkung gedrängt worden seien und ihre Videos ohne Zustimmung online erschienen. Dennoch wurden nicht alle beanstandeten Videos entfernt; die Geschäftsbeziehung wurde zunächst fortgesetzt. [1]
Aylo erklärte seinerseits, die damaligen Einwilligungsunterlagen seien durch Täuschung und Zwang zustande gekommen, und bedauerte, Inhalte von GirlsDoPorn verbreitet zu haben. Das Unternehmen betonte, dass es sich im Rahmen der Vereinbarung nicht schuldig bekannt habe, und verwies auf verbesserte Schutzmaßnahmen. Diese Stellungnahme gehört zur Einordnung. Ebenso gehört dazu, die dokumentierten Versäumnisse klar zu benennen. [2]
Auch die kanadische Datenschutzaufsicht stellte in ihrem Untersuchungsbericht vom Februar 2024 erhebliche Mängel fest. Das Unternehmen habe keine wirksame Einwilligung aller abgebildeten Personen sichergestellt und Betroffenen kein ausreichend zugängliches und wirksames Verfahren zur Entfernung ihrer Inhalte angeboten. MindGeek widersprach den Feststellungen. Die Behörde bewertete die untersuchte Beschwerde als begründet und ungelöst. [3]
Daran zeigt sich das grundlegende Problem: Wer intime Aufnahmen verbreitet, darf sich beim Schutz der abgebildeten Menschen nicht auf die Zusicherungen der hochladenden Person verlassen. Die Zustimmung zu einer sexuellen Handlung, zur Aufnahme und zur Veröffentlichung muss jeweils sichergestellt sein. Eine Veröffentlichung gegen den Willen eines Menschen verletzt dessen Selbstbestimmung. Dass ein Video viele Klicks erzielt, ändert daran nichts.
Die Kritik betrifft weitere große Plattformen. Am 26. März 2026 veröffentlichte die EU-Kommission vorläufige Feststellungen gegen Pornhub, Stripchat, XNXX und XVideos. Sie sah Verstöße gegen den Digital Services Act beim Schutz Minderjähriger vor pornografischen Inhalten. Nach ihrer vorläufigen Bewertung fehlten wirksame Schutzmaßnahmen; eine bloße Bestätigung, über 18 zu sein, reiche nicht aus. Diese Feststellungen sind keine abschließende Entscheidung. Sie zeigen, welche grundlegenden Schutzfragen bei diesen Plattformen behördlich geprüft werden. [4]
Für mich folgt daraus eine klare Forderung: Unternehmen, die mit sexuellen Inhalten Geld verdienen, müssen den Schutz der beteiligten Menschen zu einer Voraussetzung ihres Geschäfts machen. Betroffene sollten nicht erst nach einer Veröffentlichung um die Entfernung ihrer Aufnahmen kämpfen müssen. Auch Minderjährige dürfen beim Plattformwachstum nicht aus dem Blick geraten.
David Tassillo trat im Juni 2022 nach mehr als einem Jahrzehnt in Führungspositionen als COO zurück. Nach damaliger Unternehmensdarstellung war dieser Schritt seit Anfang 2022 geplant. Bereits im Februar 2021 hatte er als COO vor einem kanadischen Parlamentsausschuss ausgesagt, der sich mit dem Schutz von Privatsphäre und Ansehen auf Plattformen wie Pornhub befasste. [5, 6]
Seine im LinkedIn-Beitrag hervorgehobene geringe öffentliche Sichtbarkeit ist deshalb kein Grund, auf kritische Fragen zu verzichten. Aus ihr lässt sich allerdings auch kein Fluchtmotiv ableiten. Entscheidend ist, welche Verantwortung er als damaliger Spitzenmanager trug und wie er die Vorgänge während seiner Amtszeit einordnet. Die Feststellungen über das Unternehmen belegen für sich genommen keine persönliche strafrechtliche Schuld Tassillos.
Wer ihn öffentlich für seine Kenntnisse über Traffic und Technologie würdigt, sollte solche Fragen ebenfalls stellen. Ein angenehmes Gespräch über Kinder und Zukunft hebt die Verantwortung für frühere Führungsentscheidungen nicht auf. Die Erfahrungen der Betroffenen verdienen in einer solchen Darstellung mindestens ebenso viel Aufmerksamkeit wie die technische Leistung des Konzerns.
Aus dieser Überzeugung habe ich PornoPause gegründet. Ich möchte Menschen darin unterstützen, ihren Pornografiekonsum zu hinterfragen und eigene Entscheidungen bewusster zu treffen. Dazu gehört für mich auch, sich mit den Plattformen auseinanderzusetzen, deren Angebot man nutzt. Wer weniger konsumiert oder eine Pause einlegt, kann damit zugleich ausdrücken, welchen Geschäftsmodellen er seine Aufmerksamkeit geben möchte.
Ich wünsche mir eine Öffentlichkeit, die unternehmerisches Können zusammen mit Verantwortung beurteilt. Bevor wir den nächsten Pornoplattform-Manager zum unterschätzten Vordenker erklären, sollten wir den Menschen zuhören, die wegen solcher Plattformen um ihre Rechte kämpfen mussten.
Mehr über PornoPause auf https://pornopause.de
Quellen und weiterführende Links
[5] Reuters über MarketScreener: Rücktritt von CEO und COO bei MindGeek, 21. Juni 2022.
[6] House of Commons of Canada: Protokoll des Ethikausschusses mit David Tassillo, 5. Februar 2021.
Weiterführendes Porträt: The Cinemaholic über David Tassillo.


